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zur Wissenschaftsstadt Frankfurt vom 13.-21. Nov. 1999 im Institut für Stadtgeschichte
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Das Jahr-2000-Problem

Seit ungefähr einem Jahr beschäftigen sich die Medien verstärkt mit dem Jahrtausendwechsel". Angeblich spielen ab dem 01.01.2000 die Computer verrückt, fallen Flugzeuge vom Himmel, bleiben Fließbänder stehen. Teils werden schlimme Katastrophen geschildert, teils wird so getan, als ob der Neujahrstag 2000 ein Tag wie jeder andere sei. Die Meinungen von Fachleuten reichen von "das geht mich nichts an" (Geschäftsführer eines Software-Hauses) bis "das wird schlimmer als ein Krieg" (Professor für medizinische Informatik). Mit dem folgenden Beitrag wird versucht, etwas Licht in die Jahr-2000-Angelegenheit zu bringen. Weshalb können in 2000 Probleme entstehen?

Einer der Gründe liegt in der zweistelligen Speicherung von Jahreszahlen in der Datenverarbeitung. Zwei Ursachen gibt es dafür:

  1. zum einen die Gewohnheit, Jahreszahlen ohne Angabe des Jahrhunderts darzustellen, also 99 statt 1999,
  2. zum anderen der (oft verspottete) Mangel an Speicherplatz in den 60er und 70er Jahren. In der Tat war es zu dieser Zeit schwierig, große Datenbestände auf kleinen Magnetplatten unterzubringen.
Zum Beispiel musste die Frankfurter Sparkasse rund 300.000 Sparkonten auf einer Platte mit einem Fassungsvermögen von 7 Mio. Bytes speichern. Diese Platten standen nicht unbegrenzt zur Verfügung - wer heute 10 Giga-Byte für 300,-- DM einkauft, muss wissen, dass vor 30 Jahren für 7 Mega-Byte etliche 1.000 DM Miete pro Monat entrichtet werden mussten. Man sparte deshalb in den Datensätzen, wo es nur ging. Unter anderem wurde im Datum das Jahrhundert weggelassen. Im Laufe der Jahre stieg das Preis/Leistungsverhältnis der Platten ganz enorm. Die bereits eingerichteten Dateien wurden aber nicht angepasst, weil man viele Programme hätte ändern müssen - und das ohne Verbesserung für die Kunden. Also blieb es teilweise bis heute bei der Speicherung von zwei statt vier Stellen des Jahres. Daraus ergeben sich fatale Folgen überall dort, wo Zeitdifferenzen berechnet werden, z. B. beim Errechnen der Laufzeit eines Darlehens (Beginn 1998, Ende 2002). Korrekt errechnet der Computer 2002 -1998 = 4 Jahre. Bei zweistelliger Speicherung der Jahre ergibt sich ein erheblicher Unterschied: 02 - 98 = -96 Jahre. Diese Resultate führen zu Fehlbuchungen. Es liegt auf der Hand, dass ähnliches bei der Berechnung von Telefongebühren entstehen oder eine vermeintlich zu spät ausgeführte Messung der Abgase die Funktion einer Müllverbrennungsanlage beeinträchtigen kann. Fehler dieser Art sind im Bankgewerbe ("abgelaufene" Kreditkarten) und in der Industrie ("überalterte" Lagerbestände von verderblichen Produkten) schon vor einiger Zeit aufgetreten.

Ein weiterer Grund liegt in der Besonderheit der Berechnung des Schaltjahres. Ein Schaltjahr liegt dann vor, wenn die vierstellige Jahreszahl ohne Rest durch vier teilbar ist. Ist sie ohne Rest durch 100 teilbar, handelt es sich nicht um ein Schaltjahr. Wenn sie aber ohne Rest durch 400 teilbar ist, handelt es sich doch um ein Schaltjahr. Viele Computer-Programme beherrschen diese Regeln nicht korrekt. Daraus resultiert, dass zum Beispiel ein Bankkonto nicht am 29.02.2000 eröffnet werden könnte oder auch Zeitdifferenzen falsch berechnet werden. Monatsabschlussarbeiten (Buchhaltung, Warenkontrolle, mtl. Zinsberechnung) würden im Februar 2000 nicht am letzten Tag des Monats ausgeführt. Das Risiko von Fehlberechnungen ist jedoch relativ klein, weil nur die Programme falsch arbeiten, deren Programmierer die o.a. 4er-Regel zusammen mit der 100er-Regel ohne die 400er-Regel verwendet haben. Die alleinige Anwendung der allseits bekannten 4er-Regel führt glücklicherweise nicht zu Fehlern.

Ein für den Laien kaum zu begreifender Grund liegt darin, dass einige EDV-Programme beim Vorfinden eines Datensatzes mit einem besonderen Datum unerwartete Verarbeitungsschritte durchführen. Fachleute wissen, dass der 9.9.99 für solche (Steuerungs-)Zwecke missbraucht wurde. Aus der Praxis ist bekannt, dass auch der 31.12.99 missbraucht wird. An sich ist das Problem nicht in die Rubrik Jahr-2000 einzuordnen, denn dbzgl. Fehlfunktionen würden sich schon früher bemerkbar machen. Man ist sich einig darüber, dass bei der Prüfung der Systeme auf den korrekten Jahrhundertwechsel auch alle anderen möglichen Fehlerquellen beseitigt werden.

Weithin unbeachtet bleiben die Fehlerquellen in Funk- und Satellitenuhren. Diese Uhren werden z. B. benutzt, um in einem Verbund vernetzter Rechner ein gemeinsames, gleiches Datum (und Uhrzeit) zu verbreiten oder zu einer bestimmten Zeit Stromzähler vom Tages- auf den Nachttarif umzuschalten. Der Sender DCF77, der die amtliche Uhrzeit der Bundesrepublik verbreitet, sendet die Jahreszahl nur zweistellig. Wer, von ihm ausgehend, eine vierstellige Jahreszahl verarbeitet, muss damit rechnen, dass das Hinzufügen der Jahrhundertnummer entweder auf der Empfängerplatine fest verdrahtet ist oder von einer Software vorgenommen wird. Beides können Fehlerquellen sein. Armbanduhren sind in der Regel nicht von diesem Fehler betroffen. GPS (Global Positioning System - hauptsächlich für Navigationszwecke eingesetzt) verbreitet außer den Positionsdaten ein hochgenaues Datum (und Uhrzeit). Statt eines Datums im Format Tag/Monat/Jahr senden die Satelliten einen Zähler, der seit Januar 1980 jede Woche um eins erhöht wird. Der Zähler hat eine auf 10 Bit begrenzte Anzahl von Stellen, was zur Folge hat, daß er im August 1999 überläuft. Empfänger, die das nicht berücksichtigen, werden ein falsches Datum weitergeben.

Mit Erscheinen des PC/AT von IBM Mitte der 80er Jahre wurde eine sog. RTC (Real Time Clock) eingeführt. Diese im PC eingebaute, batteriegespeiste Uhr ermöglichte erstmals die dauernde Verwendung von Datum und Uhrzeit im PC, ohne sie nach dem Einschalten des Stromes neu eingeben zu müssen. Die RTC hat keine Vorrichtung, um die Tage des Monats zu zählen (Schalttag) oder auf ein neues Jahr umzuschalten. Das wird von dem Betriebssystem und/oder dem BIOS erledigt. Fehlerfrei geschieht dies leider erst seit wenigen Jahren, sodass mit Fehlfunktionen bei Geräten älteren Typs durchaus zu rechnen ist. Man denke nur an Software, die automatisch ein Datum in Briefe einsetzt. Ernste Folgen können entstehen, wenn falsche Datumswerte in Dateien geraten, die im Rahmen des Datenträgeraustauschs an Banken oder Steuerberater weitergegeben werden. Meistens lässt sich der Fehler durch einmaliges Eingeben des korrekten Datums dauerhaft korrigieren. Hartnäckiges Zurückspringen auf ein altes Datum lässt sich mit einer fest installierten Software beheben. Fachzeitschriften (c't 1999, Heft 1) und das Internet bieten eine Fülle von Information zu diesem Thema.

Nicht zuletzt werden im Bereich "embedded systems" zahlreiche Fehler vermutet. Als embedded systems bezeichnet man Chips, die in Steuerungen jeglicher Art eingebaut sind - vom Videorecorder über die Zündanlage eines Autos bis hin zu Industrierobotern und Fließbandsteuerungen. Man schätzt, dass in den letzten Jahren ungefähr zwei Dutzend Milliarden embedded systems in automatisch arbeitende Geräte eingebaut wurden. Auch in diesem Bereich ist die Möglichkeit der falschen Verarbeitung von Datumsangaben gegeben. Dieses Thema erhält eine besondere Brisanz, weil bei vielen Geräten nicht klar ist, welche Chips in sie eingebaut wurden. Oft gibt es keine Unterlagen oder der Hersteller kann nicht gefragt werden, weil er nicht mehr existiert.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Jahr-2000-Problem ein Problem der korrekten Verarbeitung von Datumsangaben ist, hauptsächlich die des Übergangs von 1999 auf 2000. Die Probleme wirken sich keineswegs nur in der Datenverarbeitung aus. Produktionsanlagen, sowie Anlagen der Haus- und Sicherheitstechnik sind ebenfalls stark betroffen.

Wie äußert sich das Jahr-2000-Problem?

Im letzten Absatz wurde deutlich, dass überall dort, wo Datenverarbeitung betrieben wird oder automatische Steuerungen eingesetzt werden, Störungen in Einzel- oder sogar in Gesamtsystemen auftreten können. Einzelfälle wurden schon genannt.

Konkret kann das bedeuten, dass

  • in einer Bank möglicherweise von einem Sparbuch nichts ausgezahlt werden kann, weil das dafür zuständige Programm fehlerhaft ist
  • keine Telefonate geführt werden können, weil die eigene Telefonanlage oder die Vermittlungsstelle der Telekom nicht korrekt arbeitet
  • Heizungen ausfallen, weil der betr. Steuerungs-Chip eine datumsabhängige Umschaltfunktion nicht schafft
  • stellenweise die Stromversorgung reduziert werden muss oder ausfällt, weil Kraftwerke im deutschen oder europäischen Verbundnetz ausfallen
  • Fertigungslinien stehen bleiben, weil Materiallieferungen ausbleiben wegen Jahr-2000-Problemen bei dem Lieferanten
  • Banken geschädigt werden, weil aufgrund von Insolvenzen (die evtl. durch ausbleibende Lieferungen entstehen) Kredite nicht zurückgezahlt werden können
  • usw.
  • usw.
Dass die o. g. Aufzählung nicht nur Theorie ist, beweisen die bei der Frankfurter Sparkasse im letzten Halbjahr durchgeführten Tests:

  • von 102 unter Windows NT eingesetzten Anwendungen wurden 12 als nicht Jahr-2000-fähig erkannt
  • ein Tresor lässt sich in 2000 nicht mehr öffnen
  • bei einigen Geschäftsstellen versagt in 2000 die Gebäudeleittechnik, was zu bedeutenden Infrastrukturproblemen (Licht, Heizung) führt
  • einige Geldausgabeautomaten arbeiten in 2000 nicht korrekt
Wer ist von dem Jahr-2000-Problem betroffen?

Da sich die möglichen Störungen oder Ausfälle auf sehr unterschiedliche EDV- Produktions- und Steuerungssysteme auswirken können, seien hier nur einige Beispiele konstruiert, die in Zusammenhang mit obigen Symptomen stehen:

  • ein Bankkunde bekommt kein Geld
  • der Bank wird ein Kredit nicht zurückgezahlt
  • die Fabrik produziert nicht, weil Lieferungen ausbleiben
  • der Arbeitnehmer kommt nicht zur Arbeit, weil dem öPNV der Strom fehlt
  • die Schule wird geschlossen, weil die Heizung nicht funktioniert
  • im Krankenhaus arbeitet ein medizinisches Gerät nicht einwandfrei
  • usw.
  • usw.
Es gibt keinen verlässlichen Hinweis darauf, dass irgendeine Bevölkerungsgruppe in den industrialisierten Ländern vom Jahr-2000-Problem nicht betroffen sei. Die Durchdringung unseres Lebens mit Technik ist im wesentlichen für alle gleich. Das Jahr-2000-Problem macht keinen Unterschied zwischen alt/jung, arm/reich, Arbeitnehmern/Arbeitgebern, Schülern/Rentnern, ...

Was tut man gegen das Jahr-2000-Problem?

Unternehmen und Behörden sind vom Jahr-2000-Problem wesentlich stärker betroffen als private Haushalte. Im Kreis der Leser werden sich viele Personen befinden, die aktiv im Berufsleben stehen - dort auch teilweise in führender Position. Die folgenden Ausführungen richten sich deswegen im wesentlichen an diese Gruppe.

Gravierende Jahr-2000-Probleme können die Existenz eines Unternehmens gefährden. Die Gründung einer Projektgruppe ist zwingend erforderlich (bei kleinen Unternehmen mag eine Person genügen). Die Projektgruppe muss aufgrund der von ihr behandelten brisanten Themen der Unternehmensleitung unmittelbar unterstellt sein und an sie direkt berichten. Sie sollte aus technisch versierten Personen bestehen, die das Unternehmen gut kennen.

Zur Bewältigung der nachstehenden Aufgaben müssen der Projektgruppe genügend Personal und finanzielle Mittel zugewiesen werden. Es muss damit gerechnet werden, dass für untaugliche Systeme Ersatz beschafft werden muss. Wenn nicht genügend eigenes Personal vorhanden ist, muss rechtzeitig externes Personal bereitgestellt werden.

Mit geeigneten Mitteln (Mitarbeiterrundschreiben, Informationsveranstaltungen) sollte die Belegschaft des Unternehmens generell sensibilisiert und über das Projekt informiert werden.

Die Einkaufsabteilung muss angewiesen werden, dass künftige Kauf- u. Mietverträge eine Jahr-2000-Klausel enthalten sollen, mit der von dem jew. Hersteller die Jahr-2000-Fähigkeit seines Produktes erklärt/garantiert wird.

Grundsätzlich sollten die rechtlichen Aspekte einer nicht sachgerecht durchgeführten Jahr-2000-Umstellung bedacht werden. Die übliche Betriebshaftpflichtversicherung wird bei fahrlässiger Behandlung der nachfolgend genannten Punkte keinen Versicherungsschutz gewähren. Alle Produzenten (sowohl von Hardware, als auch von Software) sollten sich über die Erwartung ihrer Kunden hinsichtlich der Jahr-2000-Fähigkeit ihrer Produkte im klaren sein und vollständige Angaben darüber machen.

Alle Anlagen, Maschinen, Systeme, Rechner, Anwendungsprogramme .... müssen in einer Bestandsaufnahme erfasst werden (nachfolgend werden diese Dinge mit dem Sammelbegriff "System" bezeichnet). Dazu wird jeder Raum in jeder Etage in jedem Gebäude begangen. Keller, Speicher und Dächer dürfen nicht vergessen werden. Es muss größter Wert auf eine lückenlose Bestandsaufnahme gelegt werden. Von ihr hängt ab, mit welcher Qualität sich ein Unternehmen des Jahr-2000-Problems annehmen kann.

Nach Abschluss der Bestandsaufnahme führt man eine Risikobewertung durch mit dem Ziel, die unternehmenskritischen Systeme zu identifizieren und sie bevorzugt einem Test zuzuführen. Bei der Frankfurter Sparkasse gibt es im wesentlichen nur zwei Risikostufen: "Hoch" bedeutet "Gefährdung des Geschäftsbetriebes, von Personen oder der Umwelt" (hier wäre z. B. ein Tresor eingeordnet), "Niedrig" bedeutet "schön, wenn man es hat" (hier wäre z. B. ein Personenaufzug in einem niedrigen Gebäude eingeordnet). Weitere Abstufungen sind denkbar, z. B. "Mittel" für den Fall, dass Produktionsverzögerungen eintreten oder Produktionsschritte mehr Personal erfordern.

Die Hersteller von Hardware, Software, Fertigungsteilen und Produktionsmaschinen müssen über die Jahr-2000-Tauglichkeit ihrer Produkte befragt werden. Dies dient ausschließlich dazu, in Erfahrung zu bringen, ob ein System nicht tauglich ist. In diesem Fall wird ein Test erst nach der Korrektur oder dem Ersatz des Systems durchgeführt. Es wird ausdrücklich davor gewarnt, positiven Aussagen Glauben zu schenken, weil erwiesen ist, dass die Hersteller sich mitunter irren.

Der Risikobewertung und der Herstellerbefragung schließt sich die Definition von Maßnahmen an. Dabei wird festgelegt, in welcher Reihenfolge die Systeme getestet und ob die Systeme getauscht, korrigiert oder von Hand umgestellt werden.

Vor dem Test der Systeme muss ein Testplan aufgestellt werden, der verbindlich vorschreibt, welches Datum und welche Datumswechsel zu testen sind. Als absolutes Minimum gelten folgende Daten:

  • 9.9.99
  • 31.12.1999 01.01.2000
  • 28.02.2000 29.02.2000 01.03.2000
Bei Produktionssteuerungssystemen muss besonders auf die korrekte Unterscheidung von Werk-, Sonn- und Feiertagen geachtet werden.

Der Testplan muss vorschreiben, dass alle Systeme, die mit hohem Risiko bewertet wurden, getestet werden müssen. Ausnahmen dürfen nur gestattet werden, wenn ein unabhängiger Test von einem vergleichbaren System nachgewiesen werden kann. Es ist darauf zu achten, dass die Tests keinesfalls mit Produktionssystemen durchgeführt werden, weil die Gefahr der Zerstörung von Datenbanken oder einer Fehlfunktion der Systeme nach dem Test zu groß ist. Jede Person, die Tests durchführt, muss darauf hingewiesen werden, dass die Tests sorgfältig und vollständig abzuhandeln sind und dass sie sich etwaige negative Folgen der Tests vorher überlegen soll.

Für alle Tests muss eine sorgfältige Dokumentation angefertigt werden. Versicherungen werden Schäden nur dann begleichen, wenn das betr. Unternehmen nicht fahrlässig gehandelt hat. Da das Eintreten des "Jahrtausendwechsels" seit langem bekannt ist, wird in jedem Fall, sei es, dass unternehmenskritische Systeme nicht getestet wurden, sei es, dass Tests nicht dokumentiert wurden, Fahrlässigkeit unterstellt werden.

Ergeben sich bei einem Test nicht die erwarteten Resultate, muss geprüft werden, ob eine Korrektur des betr. Systems möglich ist. Oft wird ein Ersatz nötig sein. Nach der Korrektur (z. B. Programmausbesserung) oder dem Austausch des fehlerhaften Systems muss der Test wiederholt werden. Das gilt grundsätzlich auch dann, wenn die Jahr-2000-Aktivitäten erfolgreich beendet sind und bestehende Systeme wegen neuer Anforderungen der Anwender geändert oder neue Systeme beschafft werden müssen. Ab November 1999 sollten keinerlei Veränderungen an bestehenden Systemen vorgenommen werden.

Es muss mit Fehlern bei der Bestandsaufnahme (nicht erfasste Systeme, falsche Risikoeinschätzung) und bei den Tests (nicht oder fehlerhaft durchgeführt) gerechnet werden. Auch bei sorgfältiger Arbeit lässt sich ein Restrisiko nicht vermeiden. Dem begegnet man mit einer Notfallplanung. Die Praxis zeigt, dass mit einer Gegenüberstellung der möglichen Störfaktoren und der geschäftskritischen Prozesse die Problembereiche schnell erkannt werden (Beispiele: Strom/Geldausgabeautomat, Wasser/sanitäre Anlagen, Strom/Abwasserpumpen, eigene EDV/Stücklisten, Lieferant/Fertigungsteile, Strom/Schließanlagen usw.). Für jede dieser Kombinationen werden die im Notfall anzuwendenden Maßnahmen festgelegt. Eine typische Notfallmaßnahme könnte lauten, dass bei einem Stromausfall Türen mit einem Schlüssel anstelle einer Zugangskontrollkarte geöffnet werden. In diesem Fall müsste mit einer Vorbeugemaßnahme dafür gesorgt werden, dass sich der Schlüssel zur rechten Zeit am richtigen Ort (bei der richtigen Person) befindet. Wegen der bedingungslosen Abhängigkeit aller Unternehmen von einer funktionierenden Stromversorgung muss dem Kapitel Notstromvorsorge in der Notfallplanung besondere Beachtung geschenkt werden. Im produzierenden Gewerbe besteht eine große Abhängigkeit von einem geregelten Materialzufluss durch die Lieferanten. Eine vorausschauende Vorratshaltung ist dringend anzuraten. Für den Fall, dass im eigenen Unternehmen mit Produktionsausfällen gerechnet werden muss, empfiehlt sich eine Produktion auf Vorrat im alten Jahr. Die Vertriebsstellen sollten sich darauf einstellen, dass es im neuen Jahr Absatzschwierigkeiten wegen Jahr-2000-Problemen bei den Abnehmern geben kann, die zu verminderten Erlösen führen würden. Gut beraten ist der, der die Notfallplanung mit Augenmaß betreibt. Der Versuch, alle Geschäftsprozesse in diese Planung einzubeziehen, wird scheitern. Es kommt darauf an, die unternehmenskritischen Prozesse unter widrigen Bedingungen mit möglichst wenig Aufwand (ggf. reduziert) am Leben zu erhalten.

Wie verhalte ich mich am Jahreswechsel 1999/2000?

Es ist ersichtlich geworden, dass die Jahr-2000-Probleme weitgehend beherrschbar sind. Ebenso wurde klar, dass aufgrund der Vielzahl der zu untersuchenden Systeme einige Fehler übersehen werden können (Restrisiko). Wenn sie eintreten, werden sie mit geplanten Notfallmaßnahmen aufgefangen. Das bedeutet, dass gewisse Vorgänge nicht wie gewohnt ablaufen - in der Regel werden sie umständlicher sein. Fehlende oder schlecht geplante Notfallmaßnahmen führen dazu, dass der Nutzer auf einige Leistungen verzichten muss. Jeder muss für sich entscheiden, ob er sich durch diese vereinzelt auftretenden, verminderten oder sogar ausbleibenden Leistungen gestört fühlt. Ein für wenige Stunden ausgefallenes Verkehrsleitsystem wird unsere an Staus gewöhnte Autofahrer sicher nicht zur Verzweiflung bringen. Mit einigen Kerzen kann man dem Restrisiko der Stromlieferanten vorbeugen. ähnliche kleine Vorsorgemaßnahmen können zur gewohnten Bequemlichkeit beitragen. Als blanke Hysterie bezeichnen Fachleute die Gedanken über das Transferieren von Bankguthaben in den Sparstrumpf oder eine übermäßige Vorratshaltung.

Fazit: Vorsorge - ja, aber mit Augenmaß. Eine weitaus wirksamere Vorsorge würde durch das Ansprechen der Arbeitgeber erreicht, die bisher wenig oder nichts zur Lösung der Jahr-2000-Problematik in ihrem Unternehmen getan haben (s. u.).

Schlussfolgerungen

Der obige Beitrag zeigt am Beispiel der Frankfurter Sparkasse einen Weg zur Lösung der vielfältigen Aufgaben, die durch die Jahr-2000-Problematik entstehen. Die Frankfurter Sparkasse hat im Januar 1998 mit einer Arbeitsgruppe die Jahr-2000-Aktivitäten begonnen. Im Juni 1998 stellte sie eine in neun Teilprojekte gegliederte Projektgruppe auf. Als wesentliches Arbeitsergebnis wurde im 3. Quartal 1998 eine vollständige Bestandsaufnahme von rund 4.900 Systemen erzielt (beispielsweise sind 2.700 PC nur als 15 Systeme gezählt). Im Frühjahr 1999 wurde die Projektgruppe auf bis zu 100 Personen erweitert. Der Schwerpunkt der Projektarbeit lag im ersten Halbjahr auf den Tests der EDV und der Haus- und Sicherheitstechnik. Per Juni 1999 wurde folgender Projektstand erreicht: 2.200 Systeme der Haus- und Sicherheitstechnik sind getestet und, wenn nötig, ausgebessert. Mindestens 98 % der rund 1.000 EDV-Systeme sind getestet. Diese Tests werden Mitte Juli 1999 fertig sein. Die sich daraus ergebenden Nachbesserungen werden im 3. Quartal 1999 abgeschlossen. Aufgrund der gesunden technischen Infrastruktur wird die Frankfurter Sparkasse mit einem vergleichsweise geringem Budget auskommen. Der personelle Aufwand liegt bei etwa 15 Personen-Jahren. Die Frankfurter Sparkasse ist gut vorbereitet und sieht dem "Jahrtausendwechsel" ruhig entgegen.

Es ist bekannt, dass der Vorbereitungsstand besonders der mittelständischen Unternehmen zu wünschen übrig lässt. Ganz offensichtlich hat eine große Zahl dieser Unternehmen noch nicht mit den Vorbereitungen zur Beseitigung der Jahr-2000-Problematik begonnen. An diese Adresse sei der dringende Appell gerichtet, sofort mit den notwendigen Maßnahmen zu beginnen. Für Unternehmen in der Größenordnung der Frankfurter Sparkasse (3.300 Mitarbeiter, Bilanzsumme 27 Mrd. DM) kommt dieser Appell zu spät - sie können die komplette Umstellung nicht mehr schaffen. Sie müssen, unter Umgehung der oben geschilderten Vorgehensweise, sofort mit der Notfallplanung beginnen und sich auf die lebenswichtigen Systeme konzentrieren.

Der Autor:

Dietmar Stroh, Jahrgang 1946, Abitur 1965, zwei Jahre Bundeswehr seit 1968 bei der Frankfurter Sparkasse in verschiedenen Stellen der EDV tätig derzeit Gesamtprojektleiter Jahr-2000

nebenberuflich Mitglied des "Förderkreis Industrie- und Technikgeschichte e. V." dort zuständig für EDV

 

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